Callanish: Wenn die Steine atmen – Mabon auf den Äußeren Hebriden
Nach dem witzigen Erlebnis mit den Highland Cattles kommen wir am größten Steinkreis an: Callanish. Riesig trotzen die Kultsteine, die älter als Stonehenge sind, dem kühlen Wind. Schon die Anreise ist spektakulär: Immer wieder spannen sich leuchtende Regenbögen über die hügelige und karge Landschaft, als wollten sie uns den Weg zu diesem uralten Ort weisen. Ich hatte beinahe vergessen, dass heute der 21. September ist – die Herbst-Tagundnachtgleiche. Im keltischen Jahreskreis wird dieser Tag Mabon genannt, ein wichtiges Sonnenfest.


Mabon und die Wächter aus Stein
Mabon markiert den Moment des Gleichgewichts, wenn Tag und Nacht exakt dieselbe Länge haben und der Abschied vom Sommer besiegelt wird. In der keltischen Tradition ist es ein Fest der Dankbarkeit für die Ernte, aber auch eine Zeit der Innenschau. Die Steinkreise von Callanish wirken an diesem Tag wie gigantische, versteinerte Uhren, die den astronomischen Wendepunkt präzise in der Landschaft verankern. Wenn die Sonne tief steht und die Schatten der Monolithen länger werden, scheint die Grenze zwischen Vergangenheit und Gegenwart zu verschwimmen.

Für viele Besucher symbolisieren die Steine eine Beständigkeit, die weit über das menschliche Leben hinausreicht. Man feiert das Licht, das langsam schwindet, und ehrt die Erde für ihre Gaben, bevor sie in den Winterschlaf verfällt. Inmitten der rauen Natur der Hebriden wird Mabon so zu einem intensiven Erlebnis der Erdung. Die monolithischen Zeugen aus der Jungsteinzeit bieten den perfekten Rahmen, um die zyklische Natur des Lebens rituell zu würdigen.



Rituale zwischen Monolithen
Spirituell lebende Frauen und Männer suchen an diesem Tag an den Monolithen nach höheren Mächten. Sie legen Gaben wie Muscheln oder kleine Steine ab und schmiegen sich an das raue Gestein, das bereits 4000-3500 v. Chr. von Bauern errichtet wurde. Lieder hallen leise durch die Luft, darunter auch der faszinierende Cantaireachd.

Exkurs: Cantaireachd
Cantaireachd ist eine traditionelle Form des Gesangs, die eng mit der Geschichte der Highlands verwoben ist. Ursprünglich diente diese „Sprache der Musik“ dazu, die komplexen Melodien der Pìobaireachd – der klassischen Dudelsackmusik – mündlich weiterzugeben. Anstatt Noten zu verwenden, imitieren die Sänger spezifische Silben und Laute, die genau definierte Töne und Verzierungen des Dudelsacks darstellen. Jede Silbe repräsentiert eine bestimmte Fingerstellung, wodurch die Musik ohne Instrument bewahrt werden konnte. In Callanish verbindet der Cantaireachd die menschliche Stimme direkt mit der archaischen Kraft der schottischen Tradition.
Logenplatz im Kastenwagen
Unsere „Kätter“ hatten wir zuerst unten am Meeresarm Loch Roag geparkt. Da oben beim Steinkreis Plätze frei geworden waren, holten wir unseren Kastenwagen nach, um genau dort zu übernachten. Von diesem Logenplatz aus konnten wir das Geschehen wunderbar beobachten.
Zuerst stand aber die Stärkung an: Es gab schottischen Lachs mit Kartoffeln von Beatrix – köstlich! Einziger Haken: Der intensive Lachsgeruch hängt bei so einer Kochaktion tagelang im Kastenwagen fest (Ironie lässt grüßen).


Eine Begegnung voller Magie
Während Ingo online Schach spielte (ich verliere „offline“ immer, ziehe ihn dafür immer beim Scrabble ab), zog es mich gegen 20 Uhr in der Dunkelheit noch einmal hinaus. Die Menschen hatten sich am Nachmittag auf dem Gelände verteilt, doch nun bildete sich eine Gruppe im Zentrum. Sie standen im Kreis und sangen alte spirituelle Lieder mit einer Dynamik und Mehrstimmigkeit, wie ich sie noch nie erlebt habe.
Dort traf ich unter anderem Hazel. Sie ist 60 und erzählte mir, dass Frauen in diesem Alter Weisheit erlangen und zu „Hexen“ werden. Ich war zu diesem Zeitpunkt fast 59 – also kurz davor! Werde ich jetzt eine Hexe? Wer weiß! Hazel reichte mir ihren Mystery Pot, gefüllt mit gesegnetem Wasser. Es war eine Ehre, ihn halten zu dürfen; er ähnelte verblüffend einer Teekanne, die mir mein Vater vor Jahren aus Marokko mitgebracht hatte. Ich goss ein wenig Wasser auf die Erde:

„Gleann Lacha“ – für die verstorbenen Vorfahren, so wie es mir ein lieber Mensch namens David einmal erklärt hatte. Daran dachte ich und es fühlte sich gut und richtig an. So sandte auch ich gute Gedanken zu meinen Ahnen.



Der Raum in uns
Ich wurde sofort in den Kreis der singenden Frauen und Männer eingeladen. Eine begnadete Musikerin schlug die Bodhrán, die Stimmen waren klar und kraftvoll. Ein Lied brannte sich dabei tief in mein Herz ein:
The Space Within How empty must one be, to feel the space within. How still must one be, to hear the stones sing. How open must one be, to let the spirit in. How grounded must one be, to let the dance begin.
(Wie leer muss man sein, um den Raum in sich zu spüren. Wie still muss man sein, um die Steine singen zu hören. Wie offen muss man sein, um den Geist einzulassen. Wie verwurzelt muss man sein, um den Tanz beginnen zu lassen.)


Nachtruhe auf dem Hügel
Es wurde verflixt kalt. Ich kehrte zu Ingo in die warme Kätter zurück, der deutlich weniger spirituell bereits das Geschirr gespült hatte. Es war erst 22 Uhr, als wir uns in die Decken kuschelten. Draußen hörten wir leise die Bodhrán und den fernen Gesang, während wir langsam einschliefen.
Fazit
Callanish an Mabon zu erleben, war mehr als nur Sightseeing. Es war ein Eintauchen in eine lebendige Tradition, die zeigt, dass diese alten Orte auch nach über 5000 Jahren nichts von ihrer Anziehungskraft verloren haben. Die Mischung aus der rauen Natur, den mystischen Klängen und menschlicher Wärme hat diesen Ort für mich unvergesslich gemacht.
Wart ihr schon einmal an einem Ort, an dem ihr die Geschichte förmlich spüren konntet? Oder habt ihr Callanish vielleicht selbst schon einmal besucht? Schreibt es mir gerne in die Kommentare!


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