Magie, Megalithen und Wiedersehen mit Freunden
Der Tag begann mit einem Versprechen: Ein fantastischer Sonnenaufgang tauchte unseren Campingplatz in goldenes Licht. Nachdem wir uns und unsere „Kätter“ (unseren treuen Kastenwagen) aufgefrischt hatten, hieß das Ziel: Caithness-Geschichte hautnah erleben. Wir wollten zu den Grey Cairns of Camster, über 5000 Jahre alten Megalithanlagen.

Wenn das Navi Pause macht: Pampa-Abenteuer in Schottland
Die Navigation mit Google Maps ist in Schottland kein Problem. EIGENTLICH.

Doch heute schickte uns das sonst so zuverlässige Navi von einer Pampa in die nächste. Vorbei an einsamen Bauernhöfen und durch Wälder landeten wir auf wirklich miesen Schotterwegen, die eher nach Schafspfad als nach Landstraße aussahen. Typisch Highlands: Wenn die Schafe das Sagen im Straßenverkehr haben.
Schließlich, nach ewigem Herumgegurke, kapitulierten wir und entschieden: „Dann eben nicht! Es soll nicht so sein. Dann fahren wir eben nach Lybster und schauen, was der Ort zu bieten hat“. Aber das Schicksal (oder die schottischen Geister) wollten es anders: Nach etwa 20 Minuten mit strengem Kurs auf Lybster, tauchten die Cairns plötzlich direkt am Wegesrand auf. Wo kamen die jetzt auf einmal her? Verrückte Welt!

Die Grey Cairns of Camster: 5000 Jahre Zeitreise
Die Grey Cairns of Camster gehören zu den am besten erhaltenen neolithischen Grabanlagen in ganz Schottland. Sie wurden vor über 5.000 Jahren errichtet, was sie älter macht als die ägyptischen Pyramiden.
Die Anlage besteht aus zwei markanten Hügeln: dem „Long Cairn“ und dem kreisrunden „Round Cairn“. Ursprünglich dienten sie als monumentale Grabstätten für die frühen bäuerlichen Gemeinschaften der Region. Die gewaltigen Hügel wurden vollständig aus lokalem Bruchstein aufgeschichtet, ohne die Verwendung von Mörtel.





Archäologen fanden im Inneren die Überreste zahlreicher Individuen sowie Keramikscherben, die Einblicke in das Leben der Steinzeit geben. Besonders beeindruckend ist die präzise Ausrichtung der Gänge, die teilweise auf astronomische Ereignisse hindeuten. Trotz ihrer massiven Erscheinung wirken die Cairns in der kargen Moorlandschaft von Caithness seltsam zerbrechlich. Heute stehen die Bauten unter dem Schutz von Historic Environment Scotland und sind für Besucher frei zugänglich. Sie sind ein stilles Zeugnis für den tief verwurzelten Ahnenkult unserer Vorfahren.

Krabbelstunde im Megalithgrab
Die Steinhügel haben extrem enge Eingänge. Trotz meines lädierten Knies siegte die Neugier: Ich krabbelte auf allen Vieren auf dem kalten Steinboden in den Cairn (Durch einen anderen Eingang als auf dem nächsten Foto). Im Inneren versteht man erst die Meisterleistung der Restaurierung aus den 1980er-Jahren.
Damit die 5000 Jahre alten Decken nicht einstürzen, wurden sie mit modernen Betonkuppeln stabilisiert. Diese wurden wiederum so geschickt mit Trockensteinmauern verkleidet und eingefasst, dass das ursprüngliche Ambiente gewahrt bleibt.
Foto rechts: Blick in die Tiefe einer der Steinpassagen, die zu den versteckten Grabkammern im Inneren führen.

Das Highlight sind jedoch die Glaseinsätze in der Decke. Sie lassen ein fast schon mystisches, irres grünes Licht ins Innere dringen. Während ich dort verweilte, hörte ich plötzlich ein Summen und Vibrieren – ein Ton wie von einer Maultrommel, der durch die Steine zu dringen schien. Hallo? Aber ich hörte den Ton und das Brummen immerhin nicht alleine.

Eine Begegnung zwischen den Zeiten
Dort, im Halbdunkel des Cairns, traf ich Lonay aus Palästina und seine Freundin Deborah, die Jüdin ist. Die beiden leben als Paar in den USA und lieben es, gemeinsam die Welt zu erkunden. Während wir dort in dieser friedlichen, jahrtausendealten Stätte standen, tobte draußen die Nachrichtenwelt: Israel bombardierte zeitgleich Palästina.

Es war ein Moment, der Gänsehaut verursachte. In der Stille dieses Grabes wurde mir klar: Wenn zwei Menschen wie Lonay und Deborah Liebe und Respekt vorleben können, warum schafft die „große Politik“ das nicht auch?
Grey Cairns of Camster: Praktische Tipps für dein Caithness-Abenteuer
- Lage: In der Region Caithness, etwa 8 km nördlich von Lybster an einer schmalen Nebenstraße (C1050).
- Alter: Über 5.000 Jahre (Jungsteinzeit / Neolithikum).
- Eintritt: Kostenlos und ganzjährig frei zugänglich.
- Anlagen: Besteht aus dem Long Cairn (ca. 60 m lang) und dem Round Cairn.
- Ausrüstungstipp: Zieht Kleidung an, die schmutzig werden darf! Um in die Kammern zu gelangen, muss man durch sehr niedrige, schmale Gänge krabbeln.
- Licht: Obwohl es moderne Lichtschächte gibt, hilft eine Taschenlampe oder das Handy, um die Details der Trockensteinmauern genau zu sehen.
- Parken: Ein kleiner, kostenloser Parkplatz befindet sich direkt an der Straße gegenüber den Cairns. Ein hölzerner Steg führt barrierefrei bis vor die Eingänge.
- Verwalter: Historic Environment Scotland

Von Dudelsäcken, Kirschwasser und flüssigem Apfelkuchen


Parkplatz-Gourmets und der Ruf der Highlands
Die vielen Eindrücke (und das Krabbeln in Steinzeitgräbern) machten hungrig. Was macht man als stilechter Kastenwagen-Abenteurer? Richtig, man verwandelt den nächstbesten Parkplatz am Meer in eine Sterneküche. Es gab Spaghetti Bolognese mit schottischem Cheddar und Meerblick – einfach, ehrlich und mit der besten Aussicht von ganz Sutherland.

Da wir nun endgültig in dieser wunderschönen Region angekommen waren, gab es nur eines: Handy raus und bei John von der Sutherland Caledonian Pipe Band in Golspie anzuklopfen. Für alle, die es nicht wissen: Ich (Karin) spiele selbst in einer Dudelsackband in Deutschland. Zwischen unserer Band und den Jungs aus Golspie besteht seit Jahrzehnten eine ganz besondere Verbindung. Aber das ist eine Geschichte, die Ihr auf unserer Bandseite caverhill-guardians.de erfahren könnt.
Das „Golspie Inn“: Wenn der Cidre zur Hauptmahlzeit wird
John freute sich natürlich. Er wusste, dass wir in Schottland unterwegs waren. Wir wussten nur nicht, wann genau wir letztlich in Golspie sein würden. Der Treffpunkt war schnell ausgemacht: „Kommt ins Golspie Inn! Ich sitze hier mit dem Bass Drummer, unseren Frauen und dem Junior.“



Das ließen wir uns nicht zweimal sagen. Was folgte, war ein schottischer Abend, wie er im Buche steht. Wir lachten, quatschten und der Cidre floss Runde um Runde. Es ist immer wieder faszinierend: Egal wie lange man sich nicht gesehen hat, bei der Pipeband-Family ist es sofort wieder wie früher.
Natürlich hatte ich auch ein kleines Stück Heimat im Gepäck. Ich überreichte John für die Band ein „Überlebenspaket“ aus unserer Heimat: Echtes Schwarzwälder Kirschwasser und eine große Packung Pralinen. Man muss die deutsch-schottische Freundschaft schließlich pflegen!
Insider-Tipps und die Suche nach dem Nachtlager
Zwischen all dem Gelächter gab es auch wertvolle Insider-Tipps für den nächsten Tag. „Wenn ihr Seehunde sehen wollt, müsst ihr um 9.15 Uhr zum alten Castle Skelbo bei Dornoch“, riet uns die Runde. Das kam natürlich sofort ganz oben auf unsere Ausflugsliste für den nächsten Tag – zu dem Besuch im Dunrobin Castle dazu. Aber davon im nächsten Beitrag mehr.
Irgendwann forderten die Müdigkeit und der Cidre (natürlich nicht für den Fahrer) ihren Tribut. Wir fanden noch mitten in der Nacht einen wunderbar ruhigen Parkplatz an einem Waldrand. Kätter geparkt, Augen zu und von Robben geträumt.
Fazit: Ein Tag zwischen den Welten
Dieser Tag in Sutherland und Caithness war eine emotionale Achterbahnfahrt der besten Art. Von der mystischen Stille in den Grey Cairns of Camster, die uns lehrte, wie klein unsere heutigen Sorgen im Angesicht von 5.000 Jahren Geschichte sind, bis hin zum herzlichen Lachen im Golspie Inn. Es sind genau diese Kontraste, die einen Schottland Roadtrip so besonders machen: Man verliert sich in der Pampa, findet historische Schätze durch Zufall und endet den Abend bei Cidre und Dudelsack-Anekdoten mit Freunden. Sutherland hatte uns wieder einmal mit offenen Armen empfangen – und wir konnten es kaum erwarten, die Seehunde bei Castle Skelbo am nächsten Tag zu suchen.
Ab in die Kommentare!
Jetzt seid ihr gefragt:
- Seid ihr auf euren Reisen auch schon mal an Orte gestoßen, die eine ganz besondere, fast magische Energie hatten?
- Und für die Camper unter euch: Was war euer skurrilster „Navi-Fehler“, der euch am Ende zu einem tollen Spot geführt hat?
- Spielt vielleicht sogar jemand von euch selbst ein Instrument und kennt diese besonderen Verbindungen über Grenzen hinweg?
Schreibt es mir unten in die Kommentare – ich freue mich auf eure Geschichten!


Leave a Reply