Ein Fluss für Schreibfaule: Das Water of Ae
Nach einer erholsamen Nacht und einem stärkenden Frühstück machten wir einen Abstecher zum Water of Ae. Mit gerade einmal 27 Kilometern Länge ist er zwar eher ein Kurzstreckenläufer unter den Flüssen, aber dafür hält er einen Weltrekord in Sachen Effizienz: Sein Name ist mit nur zwei Buchstaben einer der kürzesten der Welt – absolut perfekt für schreibfaule Blogger!

Doch der kleine Fluss hat mehr zu bieten als nur eine kurze Schreibweise. Als malerischer Nebenfluss des River Annan schlängelt er sich wie ein silbernes Band durch die dichten Nadelwälder des Ae Forest. Er ist ein echter Charakterkopf, der das Landschaftsbild von Dumfries and Galloway prägt und Naturfreunde dazu einlädt, tief in die unberührte Stille einzutauchen. Bevor er schließlich im größeren Flusssystem des Annan aufgeht, bietet er zahlreichen Tierarten einen geschützten Rückzugsort in einer der ruhigsten Ecken Schottlands.
Für uns war das sanfte Plätschern die perfekte Kulisse, um noch einmal tief durchzuatmen und uns die Beine zu vertreten – ein letzter Moment der Ruhe, bevor im Kopf wieder das „Links-bleiben!“-Mantra für die nächste Etappe startete.







Wenn man Dumfries and Galloway mit einem lachenden Auge verlässt
Gegen Mittag hieß es Abschied nehmen von der lieben Bea. Unser nächstes Ziel: die legendäre Sweetheart Abbey. Ein heißer Tipp, den wir auf keinen Fall auslassen wollten – tatsächlich soll der Anblick dieser monumentalen Ruine schlichtweg überwältigend sein.
Hoppla, wir haben uns schon wieder verfahren


Ein wehrhaftes Relikt: Das Abbot’s House
Nur einen Steinwurf von den majestätischen Ruinen der Abtei entfernt, stießen wir unabsichtlich auf das beeindruckende Abbot’s House. Mit seinen charakteristischen Treppengiebeln wirkt es fast wie eine kleine Festung – und genau das war es im Grunde auch. Besonders die rote Tür setzt heute einen lebendigen Akzent gegen das graue Mauerwerk, das schon so manchem schottischen Sturm getrotzt hat.
Es wurde um 1580 für Gilbert Broun, den letzten Abt der Sweetheart Abbey, erbaut. Während die große Abtei in den Wirren der Reformation langsam verfiel, diente dieser Wohnturm dem Abt als letzter, wehrhafter Rückzugsort. Besonders spannend: Broun war so beharrlich, dass er dort noch jahelange katholische Gottesdienste abhielt, obwohl dies längst verboten war, bis er schließlich 1605 verhaftet wurde.
Lange Zeit war das Gebäude eine Ruine, doch dank einer aufwendigen Restaurierung in den 1990er Jahren erstrahlt es heute wieder in altem Glanz. Es ist ein faszinierender Kontrast: Auf der einen Seite die romantische Ruine der „Abtei des Herzens“ und direkt daneben dieses trutzige Gebäude, das den stürmischen Wandel der schottischen Geschichte überlebt hat.
Die Geschichte der Sweetheart Abbey: Eine Liebeserklärung aus Stein





Schließlich kamen wir doch bei unserem eigentlichen Ziel an. Die Sweetheart Abbey ist nicht nur eine beeindruckende Ruine, sondern auch ein Ort, der eine der romantischsten Geschichten Schottlands erzählt. Gegründet wurde sie im Jahr 1275 von Lady Dervorgilla von Galloway, einer äußerst einflussreichen Persönlichkeit ihrer Zeit. Sie war die Tochter des schottischen Königs Alan, Lord of Galloway, und Mutter von John Balliol, einem späteren König von Schottland.
Der Name der Abtei geht auf eine zutiefst persönliche Geste Dervorgillas zurück: Als ihr geliebter Ehemann, John Balliol, starb, ließ sie sein einbalsamiertes Herz in einem Elfenbeinkästchen aufbewahren. Dieses Kästchen trug sie bis zu ihrem eigenen Tod bei sich. Nach ihrem Wunsch wurde sie 1289 selbst mit dem Herzen ihres Mannes in der Abtei begraben.
Ursprünglich wurde die Abtei als New Abbey bekannt, doch die bewegende Geschichte Dervorgillas führte schnell zu ihrem volkstümlichen Namen „Sweetheart Abbey“. Sie gehörte dem Zisterzienserorden an und war eine blühende Gemeinschaft von Mönchen, die sich der Landwirtschaft, Bildung und religiösen Andacht widmeten. Die Abtei spielte eine wichtige Rolle in der Region Dumfries and Galloway.
Während der schottischen Unabhängigkeitskriege im 14. Jahrhundert und später während der Reformation erlitt die Abtei erhebliche Schäden. Die Zerstörung vieler Klöster in Schottland im 16. Jahrhundert besiegelte schließlich das Schicksal von Sweetheart Abbey, die nach der Auflösung der Klöster endgültig verfiel.
Trotz der Zerstörung sind die roten Sandsteinmauern der Abtei bis heute in erstaunlichem Umfang erhalten geblieben und zeugen von der einstigen Pracht und der gotischen Architektur. Die Ruine ist heute ein bewegendes Denkmal für die Liebe, die Geschichte und die Vergänglichkeit. Wenn keine Bauarbeiten vorgenommen werden, können Besucher durch die imposanten Bögen und das Kirchenschiff wandeln und die friedliche Atmosphäre dieses besonderen Ortes genießen.
Ein Friedhof wie aus dem Drehbuch
Direkt neben den majestätischen Ruinen erstreckt sich ein uralter Friedhof, dessen Anblick einem sofort eine wohlige Gänsehaut über den Rücken jagt. Die verwitterten Grabsteine aus dunklem Stein stehen so schief und krumm in der Erde, als würden sie jeden Moment versuchen, sich gegenseitig zu stützen. Dickes, leuchtend grünes Moos hat die Inschriften längst unleserlich gemacht, was den Ort nur noch geheimnisvoller und ein wenig unheimlich wirken lässt. Wenn der schottische Nebel tief zwischen den verlassenen Gräbern hängt, könnte man schwören, dass dieser Ort die perfekte, ungeschönte Kulisse für jeden klassischen Horrorfilm abgeben würde. Es ist eine bizarre Mischung aus tiefer, ehrwürdiger Ruhe und einer düsteren Melancholie, die einen so schnell nicht wieder loslässt.








Was macht Angus mitten auf dem Friedhof?



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