Planänderung: Burgruinen, flauschige Aussichten und St. Conan
Von unserem Stellplatz bei Cairndow aus steuerten wir voller Vorfreude das Inveraray Castle an, den prachtvollen Sitz der Herzöge von Argyll. Doch statt edler Empfangshalle erwarteten uns ein Wärter der uns abwies – das Schloss war wegen Renovierungsarbeiten leider dicht.

Mit seinen markanten spitzen Ecktürmen und der neugotischen Fassade ist es normalerweise ein echtes Märchenschloss, das sogar Fans von „Downton Abbey“ bekannt vorkommen dürfte. Wir ließen uns die Laune nicht verderben, schossen ein schnelles Beweisfoto hier gewesen zu sein und lenkten die Kätter (unseren treuen Kastenwagen) wieder auf die schottischen Straßen.
Kilchurn Castle: Das steinerne Herz von Loch Awe
Bei unserem nächsten Stopp entdeckten wir die majestätische Ruine von Kilchurn Castle, die dramatisch am Ufer des Loch Awe thront. Diese Festung aus dem 15. Jahrhundert war einst der stolze Stammsitz der Campbells von Glenorchy und gehört heute zu den meistfotografierten Motiven Schottlands. Besonders beeindruckend ist der fünfstöckige Wohnturm, der sich bei Windstille perfekt im tiefblauen Wasser spiegelt. Während wir die geschichtsträchtigen Mauern bestaunten, beobachteten wir auch die wahren Herrscher der Highlands Gesellschaft: struppige Highland-Rinder und diese herrlich tiefentspannten Schafe, die mit einer stoischen Ruhe grasen, als gäbe es kein Morgen.




Wir verließen dieses Postkarten-Idyll und folgten der Straße entlang des Loch Awe weiter in das kleine Dorf Loch Awe zur St. Conan’s Kirk. ↓

Ein architektonisches „Best-of“: Die St. Conan’s Kirk
Das Titelfoto (ganz oben) zeigt die sakrale Symmetrie der beeindruckenden Rotunde im Inneren der Kirche. Massive Sandsteinsäulen mit verzierten Kapitellen bilden eine Rundgalerie und tragen eine imposante, dunkle Holzkuppel. Durch schmale Spitzbogenfenster fällt diffuses Licht auf den hellen Steinboden und den zentralen Altar. Die weitwinklige Aufnahme betont dabei den faszinierenden Kontrast zwischen dem hellen Gestein und der hohen Dachkonstruktion.









Die Geschichte dieses Ortes ist ebenso ungewöhnlich wie sein Aussehen: Die Kirche ist das Lebenswerk von Walter Douglas Campbell. Er begann 1881 mit dem Bau, um seiner Mutter den mühsamen Weg zur fernen Pfarrkirche zu ersparen. Anstatt einer schlichten Kapelle schuf Campbell über Jahrzehnte ein eklektisches Meisterwerk, das normannische Bögen, angelsächsische Details und sogar eine Kopie der Abtei von Iona vereint. Ein besonderes Highlight im Inneren ist die Krypta von Bruce, in der eine lebensgroße Holzfigur über ein Knochenfragment des legendären Robert the Bruce wacht.



Das Innere der St. Conan’s Kirk
Wer die St. Conan’s Kirk in den schottischen Highlands betritt, findet sich in einem architektonischen Kuriosum wieder, das seinesgleichen sucht. Die Kirche ist das Lebenswerk von Walter Douglas Campbell, der sie Ende des 19. Jahrhunderts entwarf und bis zu seinem Tod ständig erweiterte. Das Innere ist ein kühner Mix aus verschiedenen Epochen und Stilen: Von schweren, normannischen Rundbögen über filigrane gotische Schnitzereien bis hin zu keltischen Einflüssen.



handwerkliche Detailverliebtheit beeindruckt

Die Kirche beherbergt prunkvolle Chorgestühle mit den Wappen berühmter schottischer Clans und der königlichen Familie (wie der Herzogin von Argyll).
Trotz der monumentalen Steinwände strahlt die Kirche eine fast wohnliche Atmosphäre aus – was vielleicht auch daran liegt, dass Campbell Teile des Designs für seine Mutter entwarf, die einen bequemen Platz zum Beten suchte.
Zwischen den massiven Säulen finden sich immer wieder liebevolle Details, wie geschnitzte Engel oder sogar kleine gemütliche Plätze für die „Kirchenkatze“.


Rätselraten am Katzenplatz: Was macht Wuff eigentlich hier? Hat Ingo etwa wieder heimlich den Türöffner gespielt?
Fotografien aus dem inneren der Kirche







Zwischen Ritter-Krypta und Stein-Symmetrie: Der Charme der St. Conan’s Kirk
Der „Kreuzgang“ erinnert eher an ein Kloster in Italien als an das raue Schottland und bietet einen fantastischen Ausblick auf den See. Besonders skurril: In der Architektur verstecken sich sogar kleine Wasserspeier in Form von Hasen und Hunden. Da Campbell kein Architekt war, baute er einfach das, was ihm gefiel, was der Kirche ihren völlig eigenwilligen Charme verleiht. Erst 1930, Jahre nach seinem Tod, wurde das monumentale Projekt offiziell fertiggestellt. Heute gilt sie als eine der schönsten Kirchen Schottlands, was wir nach dem Durchschreiten der schweren Portale sofort unterschreiben konnten. Ein absolutes Muss für jeden Roadtrip, vor allem, weil man dort sogar mit einem Kastenwagen wie mit unserer Kätter entspannt am Straßenrand parken kann. Zumindest war das im September so.









Familiengeschichte in Stein: Von Mutterliebe und Seelenverwandten
Direkt an der Kirche stießen wir auf ein imposantes keltisches Steinkreuz, das Caroline Agnes Campbell gewidmet ist – der Mutter des Erbauers Walter Douglas Campbell. Da sie im Alter den weiten Weg zur nächsten Pfarrei nicht mehr schaffte, baute ihr Sohn ihr kurzerhand diese eigene Kirche direkt vor die Haustür. Das Kreuz ist mit aufwendigen Flechtmustern und einer traditionellen „Birlinn“-Galeere verziert, während ihr Name in klangvollem Gälisch als „Bantighearna“ (Lady) in den Sockel gemeißelt wurde.



Doch Walter erschuf dieses Werk nicht allein. An einer der Wände entdeckten wir ein Steinrelief eines Ritters – ein Porträt von Walter selbst. Hinter diesem harten Stein verbirgt sich eine rührende Geschichte:
Walter blieb zeit seines Lebens unverheiratet und fand seine Seelenverwandte in seiner Schwester Helen. Die beiden lebten gemeinsam auf einer nahen Insel und teilten ihre tiefe Leidenschaft für die Architektur dieser Kirche.

Als Walter 1914 starb, führte Helen sein unvollendetes Lebenswerk mit unermüdlicher Hingabe fort. Erst nach ihrem Tod im Jahr 1927 wurde der Bau vollendet, und heute ruhen die beiden Geschwister Seite an Seite in der Kirche. Der steinerne Ritter wirkt wie ein ewiger Wächter über dieses Denkmal einer ganz besonderen Familienbindung.

Fazit: Warum Planänderungen die besten Reisebegleiter sind
Manchmal meint es das Schicksal gut mit einem, auch wenn es sich im ersten Moment wie Pech anfühlt. Dass wir vor den verschlossenen Toren von Inveraray Castle standen, war im Nachhinein ein echtes Geschenk. Ohne diesen „Korb“ hätten wir uns vielleicht nie so viel Zeit für die St. Conan’s Kirk genommen.
Diese Kirche ist weit mehr als nur Stein und Mörtel; sie ist ein steinernes Denkmal für die Liebe eines Sohnes zu seiner Mutter und die lebenslange Leidenschaft zweier Geschwister. Für uns war es einer dieser seltenen Momente auf dem Roadtrip, in dem die Zeit kurz stehen blieb. Dass man dort mit dem Kastenwagen so entspannt parken konnte, war mal wieder schottische Gelassenheit pur! Wenn ihr also am Loch Awe seid: Biegt ab, haltet an und lasst euch von Walters Lebenswerk verzaubern. Es lohnt sich.
Jetzt seid ihr dran: Schreibt uns!
Ein Roadtrip lebt von den Geschichten, die man nicht planen kann. Habt ihr auch schon mal ein Ziel verpasst und stattdessen durch Zufall einen absoluten Lieblingsplatz gefunden? Oder wart ihr selbst schon in der St. Conan’s Kirk und habt die Kirchenkatze (oder unseren „Wuff“) entdeckt?
Hinterlasst uns einen Kommentar unter diesem Beitrag! Wir lieben es, von euren Erlebnissen zu lesen und tauschen uns gerne mit euch über die besten Ecken in den Highlands aus. ↓


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